Im Herbst 2025 waren wir in Brüssel und haben uns mit europäischen Gesetzen und Abkommen beschäftigt:
Was bedeuten sie für die kleinbäuerliche Landwirtschaft im Globalen Süden, und wie können kleine Betriebe Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen?
Europäische Gesetze und Abkommen – Was bedeuten sie für die kleinbäuerliche Landwirtschaft im Globalen Süden, und wie können kleine Betriebe Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen?
Bericht vom Agrecol-Treffen in Brüssel, 2.-5.10.2025
1. Programm
Vom 2. bis 5. Oktober 2025 trafen sich zehn Agrecol-Mitglieder und vier Gäste in Brüssel, um sich mit aktuellen europäischen Gesetzesinitiativen auseinanderzusetzen, die großen Einfluss auf Kleinbäuer*innen im Globalen Süden haben. Im Mittelpunkt standen das EU-Lieferkettengesetz (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CSDDD) und die EU-Verordnung zu Entwaldungsfreien Lieferketten, kurz EU-Entwaldungsverordnung (EU Deforestation Regulation, EUDR). Neben Gesprächen mit Vertreter*innen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft fanden intensive Arbeitssitzungen statt.
1.1 Donnerstag – Ankommen und Einweisung
Am Donnerstag Abend gab es nach der langen Anreise neben einer Vorstellungsrunde und Organisatorischem auch eine kurze Einführung in das Thema – in Form von Erklärvideos (ca. 3 min.) zu EU-Gesetzgebung, CSDDD und EUDR.
1.2 Freitag – Einführung und Austausch mit Expert*innen
Nach einer Einführung in die Funktionsweise europäischer Gesetzgebungsprozesse, das CSDDD und das EUDR (s.o.) und den Zielen des Treffens erarbeiteten die TN Fragestellungen für die einzelnen Referenten. Anschließend standen Gespräche mit insegsamt vier Fachleuten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf dem Programm.
Morag Webb (COLEAD, Head of Science and Policy, COLEAD – COmmittee Linking Entrepreneurship-Agriculture-Development, Beratungsnetzwerk für Produzenten im Süden) konnte die Einflüsse von EU-Gesetzgebung auf die Lieferketten detailreich beschreiben. Als „legal nerd“ blieb ihr nicht verborgen, dass vorhandene Einflussmöglichkeiten des Südens häufig ungenutzt bleiben, wenn beispielsweise EU-Gesetzesvorhaben bei der WTO notifiziert werden und dann nur wenige Länder (erwähnt wurden Cote d`Ivoire, Senegal, Uganda, Südafrika, Kenia) Einspruch erheben und Änderungsbedarf anmelden, der in der Vergangenheit auch schon zu Ergenissen geführt hat. Morag gab Einblick in aktuelle EU-Regulierungen, die kleine Produzent*innen betreffen und betonte die Risiken, dass ambitionierte Gesetze wie die EUDR Kleinbäuerinnen benachteiligen könnten, da diese nicht genug mitgedacht werden. Besonders problematisch seien hohe bürokratische Anforderungen und fehlende Unterstützungsstrukturen. Morag wies uns auf die Webseite www.agrinfo.eu hin, die COLEAD EU-finanziert unterhält, um kleine und mittlere Unternehmen über neue EU-Gesetze, Regulierungen und Standards zu informieren, die sich auf Agri-Food-Wertschöpfungsketten auswirken. Aktuelle Informationen zu Nahrungs-Lieferketten zwischen Europa und dem Süden enthält der regelmäßige COLEAD Newsletter: https://agrinfo.eu/subscribe.
Am Nachmittag folgte der Austausch mit Eduardo Cuoco (IFOAM Organics Europe, Dachorganisation europäischer Bioverbände), der über den Stand der EU-Bio-Verordnung und die Gefahr, diese in der aktuellen politischen Lage neu zu verhandeln, berichtete. Er ging auf die Auswirkungen von EUDR und CSDDD auf den Biolandbau in Europa ein, den er mit IFOAM Organics Europe vertritt. Er betonte außerdem die Notwendigkeit, neue Narrative und zielgruppenangepasste Kommunikation zu finden. So sollen auch Gruppen von Bio-Landwirtschaft überzeugt werden, die nicht die klassischen Anknüpfpunkte über Umweltschutz haben. Die Akzeptanz nachhaltiger Landwirtschaft ist bei ihnen höher durch Hinweis auf deren sozioökonomische Auswirkungen als auf ökologische oder Klima-Wirkungen („new narrative“). Andere Beispiele: „extreme weather conditions“ statt climate change“, „health conditions“ statt „organic“, weniger komplexe Botschaften zu verwenden, bei TicToc aktiv zu werden., „speak to belly, not to brain“.
Im Gespräch mit Andrzej Nowakowski (Policy Advisor for Agriculture and Ecology for Greens/EFA im EU-Parlament) wurde deutlich, dass die technische Umsetzung der EUDR mit bestehenden EU-Geodaten grundsätzlich möglich wäre, die Blockaden aber politischer Natur sind. Letzte Woche wurde das EUDR um ein weiteres Jahr verschoben. Er warnte vor einer schleichenden Deregulierung unter dem Deckmantel der „Vereinfachung“ beim Lieferkettengesetz (Stichwort Omnibus) und hob hervor, dass Gesetze wie die EUDR weltweit Wirkung entfalten können – etwa in Brasilien, wo Akteure wie NGOs und indigene Völker hoffen, dass die europäische Regulierung die Entwaldung eindämmen könnte.
Die Gespräche machten deutlich, wie sich die Arbeitsweise nach der letzten EP Wahl geändert hat. Rechtspopulistische Parteien haben an Einfluß gewonnen, das erfordert veränderte Narrative. Resilience ist ein wichtiges Stichwort, um Inhalte zu retten.
Der Abend diente der Reflexion der Eindrücke und dem Austausch innerhalb der Gruppe (Agrecol-Inforunde).
1.3 Samstag – Vertiefung und Standortspezifisches
Der Samstag begann mit einer Arbeitssession zur Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse. In zwei Gruppen wurden die Kernaspekte von CSDDD und EUDR herausgearbeitet und diskutiert, welche Elemente unbedingt erhalten bleiben sollten, wo Spielräume bestehen und welche Änderungen notwendig wären.
Anschließend vermittelte Sabine von Wirén-Lehr, Strategic Policy Advisor, einen kompakten Einblick in erfolgreiche Lobbystrategien. Entscheidend seien frühe Einflussnahme, klare Botschaften und konstruktive Kommunikation („influence the influencers). Sie betonte, dass Lobbyarbeit langfristig gedacht werden muss und oft auf nationaler Ebene entschieden wird, wo Detailregelungen umgesetzt werden.
Ein kultureller Teil mit dem Besuch des Schokoladenmuseums und einem Stadtrundgang durch Brüssel bot Gelegenheit zum informellen Austausch. Es folgten ein Besuch des Hauses der europäischen Geschichte und typisch belgische Muscheln & Pommes als Abendessen.
1.4 Sonntag – Fazit und Ausblick
Am Sonntag standen die Auswertung des Wochenendes und Überlegungen zur zukünftigen Arbeit im Mittelpunkt.
2. Inhaltliche Schwerpunkte
2.1 Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD)
Die CSDDD verpflichtet Unternehmen, entlang ihrer Lieferketten Menschenrechts-, Sozial- und Umweltstandards einzuhalten. Das Ziel ist, Verantwortung über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu verankern. In der aktuellen politischen Lage droht jedoch eine Verwässerung der ursprünglich ambitionierten Ziele.
Die Diskussionen in der Gruppe machten deutlich: Ein rechtlich verankerter Sorgfaltspflichten-Ansatz ist unverzichtbar, darf aber nicht zu neuen Hürden für kleine Betriebe führen. Möglich wäre eine abgestufte Umsetzung – mit Unterstützung für Kleinproduzent*innen, differenzierten Berichtspflichten und klaren Sanktionen bei Verstößen.
Die Teilnehmenden sahen in der Richtlinie grundsätzlich ein wichtiges Instrument, um globale Lieferketten gerechter zu gestalten. Zugleich müsse Agrecol dazu beitragen, dass die Perspektive kleinbäuerlicher Produzent*innen in der politischen Debatte sichtbarer wird.
2.2 Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR)
Die EUDR zielt darauf ab, Produkte wie Kaffee, Kakao, Soja oder Holz nur noch aus entwaldungsfreien Lieferketten in die EU zu importieren. Dafür müssen Unternehmen die genaue Herkunft ihrer Waren nachweisen und sicherstellen, dass für diese seit 2020 keine Flächen abgeholzt wurden.
Die Gespräche in Brüssel verdeutlichten, dass die Ziele des Gesetzes sehr wichtig sind, aber die Umsetzung dieser ambitionierten Ziele erhebliche Herausforderungen birgt – insbesondere für Kleinbäuer*innen im Globalen Süden. Die technische Nachverfolgbarkeit (Geolokalisierung) erfordert Ressourcen, die vielen Betrieben fehlen. Gleichzeitig droht, dass Produzent*innen, die den Anforderungen nicht genügen, auf andere Märkte (z.B. China) ausweichen – was das globale Ziel des EUDR untergräbt.
Wir lernten, dass die technische Umsetzung in Europa recht unkompliziert möglich sei, da Geodaten und Satellitentechnologien vorhanden sind. Politisch wird das Vorhaben jedoch immer wieder in Frage gestellt, auch weil EU-Länder auf die hohen Nachhaltigkeit Standards der eigenen Forstwirtschaft verweisen und auf die Einführung einer Null-Risiko Kategorie drängen, neben der Niedrig-Risiko Kategorie für die meisten anderen Länder. Große Unternehmen insbesondere aus dem Kakaosektor haben bereits in entsprechende Technologien investiert und sind bereit für die Umsetzung des Gesetzes. Die derzeitige Verschiebung der Implementierung bis 2028 gefährdet die Glaubwürdigkeit des Gesetzes und benachteiligt Unternehmen, die bereits investiert haben. Außerdem stellt sich die Frage der Gerechtigkeit: Länder, die ihre Wälder bereits abgeholzt haben, sind weniger betroffen von dem Gesetz, doch Ländern, die ihre Wälder bis heute erhalten haben, wird nun Flexibilität genommen. Das Programm SAFE (Sustainable Agriculture for Forest Ecosystems, Jan 2022-März 2028) mit ca. 90 Mio Euro, kofinanziert von der EU und von der GIZ implementiert, soll Unterstützung auch für Kleinbauern bieten. Die Präsentation von Vanessa Adams auf einem IFPRI Seminar bietet einen vertieften Einblick in die Situation für Kleinbauern in Afrika, die Kaffee und Kakao produzieren.
2.3 Ausblick
Beide Gesetzesvorhaben sind unter den ambitionierten Bedingungen des European Green Deals entstanden und drohen, in der aktuellen politischen Lage, verschoben oder verwässert zu werden. Gleichzeitig gibt es Hürden in der Umsetzung und Aspekte, die teilweise viel Arbeit verursachen, ohne eine große Wirkung zu versprechen. Insbesondere Morag Webb nannte einige konkrete Beispiele, wie etwa:
- EUDR: In Äthiopien ist nur 1% der Fläche mit Wald bedeckt, aber es gibt sehr viele, auch kleinbäuerliche, Kaffeeproduzenten. Diese müssen alle registriert werden, was einen hohen bürokratischen Aufwand darstellt, obwohl kaum eine Wirkung erzielt werden kann.
- Packaging & Labelling Regulation: Eine Firma aus Ghana, die höhere Wertschöpfung aus der Mangoproduktion ins Land holt, indem sie Mangos geschnitten und in kleinen Mengen verpackt verkauft. Da die heimische Verpackungsindustrie ggf. keine Verpackungen in ausreichender Menge herstellen kann, die den Anforderungen der neuen Packaging Regulation entsprechen, muss importiert werden. Aus z.B. China importiere Verpackungen könnten Probleme in der Rückverfolgbarkeit ergeben, aus Europa importierte Verpackungen sind deutlich teurer. Durch die neue Regulierung entstehen der Firma Schwierigkeiten.
3. Fazit und Lehren für Agrecol
Das Brüsseler Treffen hat gezeigt, wie komplex die Wechselwirkungen zwischen europäischer Politik und kleinbäuerlicher Realität im Globalen Süden sind. Die Gespräche mit Vertreter*innen aus EU-Institutionen, NGOs und Wirtschaft verdeutlichten, dass Gesetze wie CSDDD und EUDR zwar gute Ziele verfolgen, aber ohne gezielte Unterstützung von Kleinbäuer*innen Gefahr laufen, diese weiter abzuhängen.
Für Agrecol ergeben sich daraus mehrere Einsichten:
- Frühzeitige Einflussnahme ist entscheidend. Öffentliche Konsultationen („Have your say“) und Rückmeldemöglichkeiten an die Kommission bieten reale Chancen, Positionen einzubringen – allerdings nur, wenn man sie rechtzeitig nutzt.
- Koalitionen bilden. Effektives Lobbying funktioniert am besten in Allianzen – entlang von Wertschöpfungsketten oder mit Partnern aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Gemeinsame Stellungnahmen werden von der EU-Kommission bevorzugt behandelt.
- Konstruktive Haltung bewahren. Kritik sollte sachlich bleiben und mit Vorschlägen verbunden werden; wer als verlässlicher Gesprächspartner gilt, hat langfristig mehr Einfluss.
- Strategisch priorisieren. Nicht jedes Thema ist gleich erfolgversprechend. Agrecol sollte sich auf bearbeitbare Themen mit realistischer Wirkung konzentrieren – etwa die Rolle der Entwicklungszusammenarbeit, Pastoralismus oder faire Lieferketten.
- Neue Narrative nutzen. Unterschiedliche Zielgruppen lassen sich mit unterschiedlichen Argumenten erreichen: Konservative etwa über regionale Identität, Sicherheit oder Stabilität; jüngere Menschen über Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit.
Langfristig kann Agrecol durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit und gelegentliche Lobby-Initiativen seine Position als glaubwürdige Stimme für nachhaltige und kleinbäuerliche Landwirtschaft stärken. Das Treffen in Brüssel war damit nicht nur eine fachliche Weiterbildung, sondern auch ein Impuls, den Verein strategisch weiterzuentwickeln – hin zu einer aktiveren Rolle in politischen Prozessen, die über die Landwirtschaft im Globalen Süden entscheiden. Die Erkenntnisse dieses Herbsttreffens könnten in einem Agrecol-Treffen 2028 im Jahr vor der Europawahl 2029 noch einmal aufgegriffen und aktualisiert werden.

